Hingekuckt #003 – „Schön kann man es nicht nennen.“

Vor dreihundert Jahren und zwanzig Tagen legte man in Würzburg den Grundstein zu einem der größten europäischen Bauprojekte der damaligen Zeit. Ein ehrgeiziger Provinzbischof aus einer ehrgeizigen Aufsteigerfamilie aus der Provinz wollte mit Hilfe eines ehrgeizigen Provinzarchitekten ganz und gar Unprovinzielles zum Staunen von Welt und Nachwelt schaffen. Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborns Bauideen beflügelten damals 600.000 Goldgulden aus einem gewonnenen Unterschlagungsprozess. Ein Kammerdiener seines Vorgängers, aufgestiegen zu höchsten Vertrauenspositionen, war außerordentlich erfolgreich im Bemühen, das Bekleiden staatlicher Ämter mit privaten wirtschaftlichen Interessen harmonisch zu vereinen. Man sprach damals von „Unregelmäßigkeiten“, Betrug ist ein gar hässliches Wort.

Jedenfalls war die stolze Summe für den Bischof geradezu eine Einladung seine „castelli in aria“, seine architektonischen Luftschlösser, endlich mit Hilfe eines Baumeisters zu materialisieren. Seine Wahl fiel auf den jungen Balthasar Neumann, der sich für große und größte Aufgaben immerhin durch die Planung für drei Reihenhäuser empfohlen hatte. Da der Würzburger Schönborn-Bischof wie sein bedeutender Onkel Lothar Franz, seines Zeichens Kurfürst von Mainz und Fürstbischof von Bamberg, vom sogenannten „Bauwurm“ befallen war, konnte nur ein begabter und williger Baumeister diese entsetzliche, leider gänzlich unheilbare Krankheit lindern. Johann Philipp Franz hatte mit Sicherheit das große Talent Neumanns erkannt, aber möglicherweise war der Umstand, dass der Quereinsteiger Neumann noch nicht durch andere Bauherren „verdorben“ war und sich daher vielleicht widerstandsloser als Ausführungswerkzeug seines bischöflichen „Co-Planers“ gebrauchen lassen würde, viel entscheidender. Das Schicksal oder die demselben nachhalfen wollte es, dass der baulustige Bischof schon vier Jahre nach der Grundsteinlegung überraschend das Zeitliche segnete. Ein Jagdausflug endete wie für zahlreiche Rehe, Hirsche, Wildschweine und Fasane auch für ihn tödlich. Man munkelte damals, finstere Gestalten hätten mittels Gift die Amtszeit des Bischofs verkürzt, weil die Ausgaben des prachtliebenden Herrn haushaltsschädigend ausuferten. Balthasar Neumann aber blieb Würzburg und der Residenzbaustelle erhalten und konnte schließlich das großartige Werk unter Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn, einem jüngeren Bruder des dahingerafften Jägers, 1744 vollenden. Das 1720 kaum vorhersehbare Endergebnis war dann mit der Krönung durch Tiepolos grandiose Deckenfresken Anfang der 1750er Jahre zum vielleicht perfektesten Schlossbau seiner Epoche und damit zu gänzlich unprovinzieller Weltkunst geworden. Wir gratulieren der Residenz zum Dreihundertsten!!

Ach ja, „schön kann man es nicht nennen“, lautete das kurze Urteil des Dichters Heinrich von Kleist über das Würzburger Residenzschloss. Außerdem wusste er noch zu berichten, dass das Bauwerk lang und breit sei. Mehr nicht. Wir verzeihen.  

PS: Im Herbst soll es in der Residenz eine Tiepolo-Ausstellung geben, zu der wir eine Tagesfahrt planen – wir halten Sie auf dem Laufenden.