Morgens kurz nach acht in einem Frankfurter Gymnasium: man beschäftigt sich im Deutsch-Leistungskurs mit Goethe. Das kann dem Tag Struktur und der Seele Halt geben. Kann, muss aber nicht. Vor allem: was bleibt davon im Frankfurter Alltag später übrig? Wie präsent ist Goethe heute noch in seiner Geburtsstadt? Immerhin gedenken die Frankfurter Johann Wolfgangs durch das Drapieren seines Denkmals mit einem geschmackvollen Gebinde entschleunigt welkender Pflanzen. Das machen sie jeweils an seinem Geburtstag am 28. August. Dann muss es aber auch mal gut sein … Nicht ganz, denn dieser Geburtstag dient den Frankfurtern schon seit einigen Jahrzehnten als Vorwand, am Wochenende nach diesem denkwürdigen Tag das große Museumsuferfest zu feiern. Aber wie steht es denn wirklich, mit der innigen Liebe für diesen großen Sohn? War er nicht nur für seine Mutter Catharina Elisabeth, „Aja“, der „Hätschelhans“, ist er es auch für die heutigen Frankfurter? „Mer waaß es net“ … sollen doch nach glaubhaften Überlieferungen älterer Ureinwohner, immer wieder einzelne Frankfurter in geselliger Runde damit geprunkt haben, nie im Goethehaus gewesen zu sein, dagegen aber schon häufig emotional aufwühlende aber ergebnistechnisch unbefriedigende Heimspiele der Eintracht besucht haben. Dazu passt das – wie Markus Lanz es formulieren würde – Narrativ, dass ein alter Frankfurter im Angesicht seines Todes auf dem Sterbebett Gott folgenden Deal (courtesy to Mr. Trump) angeboten haben soll: „Liewer Gott, lass misch noch leewe – isch geh derr aach ins Gede-Haus“ (hochdeutsch lautet dieses Ansinnen an Gott: im Fall des Aufschiebens meines Ablebens, schrecke ich nicht einmal vor einem Besuch des Goethehauses zurück). Unfassbar! Wie also hält man es mit dem Andenken an den Dichter des „Faust“ und des „Götz“?
Natürlich gibt es unübersehbar im Großen Hirschgraben sein Geburtshaus, in dem er freilich nicht geboren wurde.

Und das nicht nur, weil es eine Nachkriegsrekonstruktion ist, sondern weil Goethes Geburt am 28. August 1749 in einem der beiden Vorgängerhäuser dieses erst 1756 in der jetzt noch erlebbaren Form errichteten Hauses stattfand. Im Rückblick des gereiften Autors liest sich dieses Ereignis so:
„Am 28sten August 1749, mittags mit dem Glockenschlag zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen. Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein: denn durch die Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte. Dieser Umstand, welcher die Meinigen in große Not versetzt hatte, gereichte jedoch meinen Mitbürgern zum Vorteil, indem mein Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor, daher Anlaß nahm, daß ein Geburtshelfer angestellt und der Hebammenunterricht eingeführt oder erneuert wurde; welches denn manchem der Nachgeborenen mag zugute gekommen sein.“
Die Hebamme! Die „dappisch Dunzel“ hätte doch mit ihrer „Ungeschicklichkeit“ (altmodisch für Inkompetenz) beinahe hunderte von deutschen Städten um einen Namen für Straßen und Plätze gebracht! Dennoch war die Geburt offenbar ein die Welt beglückendes Ereignis, können doch nur wenige Menschen von sich sagen, dass zu ihrer Geburt gleich mal ein halbes Dutzend Planeten angetreten sind – ein wahrhaft kosmisches Ereignis. Und den Frankfurtern brachte der Beinahe-Tod des späteren Dichters das Glück eines verbesserten Geburtshilfewesens. Allein dafür sollte schon ein würdigendes Andenken wachgehalten werden.
Aber mit diesem Andenken war das so eine Sache. Schon zu Lebzeiten Goethes hob die Diskussion an, ob man diesem europaweit bekannten Sohn der Stadt ein Denkmal setzen solle. Sein Elternhaus war damals schon lange verkauft, gehörte zwischenzeitlich einem Tapeziermeister, der dort seine Werkstatt und ein Möbelgeschäft betrieb, und Mark Twain bemängelte noch 1878:
„Die Stadt läßt zu, daß dieses Haus Privatleuten gehört, anstatt sich mit der Ehre zu schmücken und auszuzeichnen, es zu besitzen und zu beschirmen“.
Mit einem Denkmal war es auch nicht gut bestellt. Eine erster Versuch Geld für ein solches Monument zu sammeln, scheiterte am Frankfurter Geiz oder vielleicht an einem gewissen Rachedurst, denn dieser „Goethe“ hatte sich nicht nur auswärts adeln lassen, nein, er hatte auch noch die Unverschämtheit besessen, das Frankfurter Bürgerecht gegen die weimarische Staatsangehörigkeit zu tauschen. Damit war er ja wohl keiner mehr von ihnen. Außerdem waren von ihm über seine Heimatstadt hin und wieder folgende Urteile zu lesen:
„Dort herrscht der krasseste Geldstolz, die Köpfe sind dumpf, beschränkt, düster.“

1844 wurde dann doch ein Denkmal für ihn aufgestellt, man wollte sich wohl nicht allzu sehr blamieren, zumal die Stuttgarter für ihren Schiller schon eines aufgestellt hatten. Ein gewisser Herr Schwanthaler in München hat den Olympier mit bemerkenswerter Lieblosigkeit in Bronze gegossen – ein beinahe schon hässliches Denkmal. Und eines, das bei seiner Neuaufstellung nach dem Exil in der Wallanlage auch noch um 180 Grad gedreht postiert wurde – man hätte Goethe doch wenigstens den Blick in Richtung seines Geburtshauses gönnen können. Wahrscheinlich hat Heinrich Heine doch recht:
„Ein Denkmal hat sich Goethe selbst gesetzt
Im Windelschmutz war er euch nah, doch jetzt
Trennt Euch von Goethe eine ganze Welt“.

Was also haben wir noch: den Goetheplatz, der für Goethe noch die „Stadtallee“, eine Promeniermeile war, und die Goethestraße, die es zu Goethes Zeiten noch gar nicht gab und die Goethe mit seinem ausgeprägten Geiz (in manchem war er doch echter Frankfurter) aufgrund der abschreckenden Preisgestaltung sämtlicher dort befindlicher Geschäfte nie betreten hätte.

Dann gibt es noch das Goethe Gymnasium, auf das Goethe nicht gegangen ist … und eine Universität, die er nicht besucht hat. Aber immerhin.

Und was ist mit der Goethe-Apotheke? Goethe war ja auch ein wenig Hypochonder, aber seine Lieblingsmedizin, Steinwein aus Würzburg, führt die Apotheke natürlich nicht. Schade.

Was nur wenige wissen, Goethe hat sich als Student ein bisschen was im Metier der Speisenzustellung dazuverdient. Wenn man so kostspielige Hobbys wie teure Klamotten und ständige Theaterbesuche hat, reicht halt oft nicht, was Papa rausrückt.

Da wäre aber auch noch der Goethe Wanderweg, der sich an vielbefahrenen Verkehrsschneisen und durch Hochhausschluchten schlängelt. Ideal für einen etwas anderen Osterspaziergang.

Und es ist tatsächlich ein Gerücht, dass Goethe ein Pionier der Frankfurter Müllentsorgung war, auch wenn er mit ziemlich griesgrämiger, auf Magengeschwüre hindeutender Miene in der Fahrgasse Müllcontainer überwacht.

Dagegen ist die Frage nach seinem Nebenjob als Staubsaugervertreter bis heute nicht zweifelsfrei geklärt – seine Kleidung spricht allerdings dagegen, ist sie doch nicht gerade dazu angetan, Misstrauen gegenüber ungebetenen Hausbesuchen abzubauen.

Bleibt als Fazit: eine heiße Liebe ist es nicht zwischen Frankfurt und seinem großen Dichter, aber ein bisschen lieb hat man ihn schon. Und den ein oder anderen Ratschlag befolgen sie durchaus gern:
